Samstag, 29. Juni 2013

Infomania


[21:56 Uhr] „Die Polizei hat in Istanbul und Ankara wieder die friedliche Situation aufgelöst und verteilt im Moment wieder kostenlos Schläge und Reizgas an alle, die eine Meinung zu äußern haben. Wie es scheint ist die kürzlich bestellte Gaslieferung aus den USA angekommen...“[1]



Video: Livestream Revolutistanbul


Infos werden folgen! Was passiert in der Türkei? Und wie steht es um Twitter und Co?



[1] https://www.facebook.com/haltedurchturkei?fref=ts

Mittwoch, 19. Juni 2013

Everyday I'm Çapuling


Viel ist passiert in den letzten Tagen: Drohungen und Widerstand, Gewalt und Solidarität. Off- und Online! Nicht nur die Straßen, auch die türkischen Medien werden unterdrückt. Noch ist das Internet ein freier Raum, ein Ort, an dem die Menschen sagen können, was sie denken und fühlen. Nur wie lange noch?


Aus gegebenem Anlass und als Schutz vor Repression können auf diesem Blog leider keine Namen derjenigen User mehr veröffentlicht werden, welche die Welt vor Ort mit Informationen speisen.


Es war einmal...

Für viele Demonstrierende begann ein banges Warten, nachdem Erdogan am Donnerstag seine „letzte Warnung“ verkündet hatte. Besonders in Istanbul und Ankara hatte die Hetzjagd der vergangenen Tage Spuren hinterlassen. Die Handybilder verwüsteter Straßen reflektieren nur allzu gut die Erschöpfung der Menschen, die hier Tag für Tag ausharrten, in ständiger Angst vor einer erneuten Blitzattacke der türkischen Sicherheitskräfte.

Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Die drohenden Worte des Premiers hallen nach. Dabei hatte sich Erdogan nur wenige Stunden nach seiner großen Rede plötzlich gesprächsbereit erklärt und am Abend in Ankara erstmals mit einigen Vertretern des Protestbündnisses „Taksim Solidarität“ getroffen. Erneut betonte er seine Bereitschaft, ein Referendum über die Umgestaltung des Gezi-Parks entscheiden zu lassen. Einzige Bedingung: Die Menschen sollten endlich von Dannen ziehen. Zeitgleich versammelten sich erneut unzählige Menschen in der ganzen Türkei, um gegen den autoritären Führungsstil des Ministerpräsidenten und den brutalen Polizeieineinsatz zu protestieren. Dass es längst nicht mehr nur um seine Baupläne geht, scheint Erdogan wohl noch immer nicht begriffen zu haben, schlussfolgert ein Demonstrant:

„Ich glaube die Regierung hat immer noch nicht verstanden, dass das Problem größer ist, als der Gezi-Park. Die Leute hier wollen etwas ganz anderes. Sie wollen Menschenrechte, die Unantastbarkeit des Gerichts und dass internationale Gesetze Einzug finden.“[1]


Bei Kaffee und Kuchen

Das Vertrauen in Erdogan ist erschüttert, das Misstrauen groß. Auch die Versuche des derzeitigen Staatspräsidenten Abdullah Güls, die Protestierenden via Twitter nach Hause zu schicken, blieben vergebens.[2] Immer mehr Menschen versammelten sich zu später Stunde auf dem Taksim-Platz, verunsichert darüber, was die Nacht zum Freitag bringen würde. Hatte Erdogan noch wenige Stunden zuvor, die Mütter und Väter des Landes aufgefordert, ihre Kinder nach Hause zu holen und vor jenen „Randalierern“ zu schützen, kamen nun immer mehr von ihnen, um ihre Nachkömmlinge zu unterstützen, so die türkische Tageszeitung Hürriyet.[3] Hand in Hand bildeten sie eine Menschenkette und riefen: „Überall sind Mütter, überall ist Widerstand“[4], senden Demonstrierende ihre Botschaft im Internet.

Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Kurz entschlossen lud auch Istanbuls Bürgermeister Huseyin Avni Mutlu die Demonstranten via Twitter zum Gespräch in ein Café ein. Kein besonders durchdachter Zug, wie die Meldungen vieler Protestierender bezeugen. Ein Ausschnitt des Dialogs kursierte alsbald auf den unterschiedlichsten Plattformen:

„Frage: ‚Die Polizisten haben ihre Helme zugeklebt (Erkennungsnummer überdeckt), haben uns mit Tötungsabsicht mit Gas beschossen. 4 Menschen sind gestorben. Kameras haben die Täter aufgezeichnet. Wann werden diese Verurteilt?’

Antwort: ‚Liebe Dilek, ich verstehe ja aber nein, anders kann ich es nicht formulieren.’“[5]

Foto: via Twitter

Das retardierende Moment

Während Ankara erneut von massiver Polizeigewalt erschüttert wurde, blieb es in Istanbul weitgehend friedlich. Dazu beigetragen haben gewiss die Klänge eines Pianisten: Davide Martello, ein Künstler aus Konstanz sorgte an seinem Konzertflügel wenigstens für ein paar Stunden für andächtige Stille.[6] Kein Tränengas, keine Steine! Es ist die Ruhe vor dem Sturm! Eine traurige Meldung reißt die Demonstrierenden wenig später wieder zurück in die Realität: Die Zahl der bestätigten Todesopfer ist auf fünf gestiegen. In Ankara erlag ein 26-jähriger Demonstrant seinen schweren Verletzungen, berichtete CNN Türk.[7]

Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Konspiration!

Nachdem die türkische Protestbewegung „Taksim Solidarität“ offiziell verkündet hatte, die Zelte nicht abzubrechen und weiter gegen die Politik Erdogans zu demonstrieren, zeigte sich der Ministerpräsident am Freitag wieder gewohnt feindselig. Bei einer Massenkundgebung vor Anhängern stellte er ihnen ein letztes Ultimatum. Bis Sonntag hätten die Protestierenden Istanbuls noch Zeit, den Rückzug anzutreten: „Ansonsten werden die Sicherheitskräfte dieses Landes wissen, was zutun ist“[8], so Erdogan. Ein Spektakel: Von großen Fernsehsendern übertragen, zeigte sich Erdogan gewohnt offensiv und selbstsicher. Parteimitglieder waren mit hunderten, von der AKP gemieteten, Bussen nach Sincan geschart worden, einem Vortort Ankaras, der auch als Hochburg der konservativ-religiösen Partei gilt.[9] "Wir werden nicht zulassen, dass unser Ministerpräsident Opfer einer Verschwörung in der Türkei und aus dem Ausland wird"[10], verkündet ein Befürworter Erdogans lauthals.

Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Die Forderungen der Demonstrierenden gehen indessen weit über den Erhalt des Gezi-Parks hinaus. Auch die Freilassung der Festgenommenen, die Bestrafung der Polizeigewalt, Demonstrations- und Meinungsfreiheit stehen auf der Agenda.[11] Eine Übersetzung der offiziellen Stellungnahme findet sich unter "Halte durch, Türkei" auf Facebook.

Foto: via Facebook

Alles Terroristen!

Dass man seinem Wort nicht trauen kann, beweis Erdogan am Samstag abermals. Schon bei Einbruch der Dunkelheit rückten die gepanzerten Fahrzeuge türkischer Sicherheitskräfte zum Gezi-Park vor. Mit Wasserwerfern und Tränengas trieben sie die Demonstrierenden, wie das Vieh einer ungezogenen Herde aus dem Park. Mehrere tausend Menschen, darunter ganze Familien, versuchten panisch sich in Sicherheit zu bringen. Viele versuchten sich ins Divan-Hotel zu flüchten, das Demonstrierenden bereits in den vergangenen Tagen immer wieder Unterschlupf gewährt, mit Essen und Trinken oder erster Hilfe versorgt hatte. Immer wieder sollen Polizeitruppen versucht haben, die Menschen mit Tränengas, Platzpatronen und Gummigeschossen aus dem Foyer zu treiben.[12] Can Dünder, Journalist der türkischen Zeitung Milliyet, schildert die Geschehnisse:

"Ins Hotel lassen sie nur Mütter mit ihren Kindern rein. Ich höre die Schreie der
Kinder. Das ist ein regelrechtes Massaker. Es ist unfassbar, auf so viele Zivilisten, auf Mütter und ihre Kinder Wasser zu spritzen und Gas abzufeuern. Ich kann es nicht fassen. Ich bin seit so vielen Jahren Journalist in der Türkei. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und das ist erst der Anfang."[13]

Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Auch die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, die solidarisch nach Istanbul gereist war, wurde vom Tränengas überrascht. Entsetzt äußerte sie sich über die Brutalität, mit der die Polizeikräfte die Menschen gejagt hätten. Sie spricht von einem Krieg gegen die eigene Bevölkerung, gegen Demokratie und Menschenrechte.[14]

Um die Wasserwerfer aufzuhalten, legten sich Protestierende unter die Fahrzeuge. Taxifahrer errichteten Straßenbarrikaden. Ärzte, die in diesen Stunden Erste-Hilfe leisteten, verschickten immer wieder Warnungen via Twitter, dass das Wasser, mit denen die Menschen attackiert wurden, mit Chemikalien versetzt sei, die zu ernsthaften Verbrennungen führen könne. Die Bilder ihrer Verhaftungen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

Foto: via Tumbl #OccupyGezi

„Tayyip Istifa!" – „Tayyip tritt zurück!“

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht über die Ereignisse. Abermals ist Twitter die Informationsquelle Nummer eins. Gegen Protestierende, die in Ankara und Izmir ihre Solidarität zeigten kamen erneut Wasserwerfer zum Einsatz. Aus sämtlichen Stadtteilen Istanbuls eilten die Menschen herbei, um zu helfen. Hunderte versuchten über die Bosporusbrücke zur europäischen Seite Istanbuls zu gelangen, wurden aber vom Tränengas zurückgehalten. Europaminister Egemen Bagis teilte mit, dass jeder, der sich Taksim auch nur nähere, als „Terrorist“ eingestuft werde.[15] Erneut ist es auch das Verhalten des städtischen Bürgermeisters Mutlu, der die Züge einer ruchlosen Farce in sich trägt. Hatte er sich, umringt von Istanbuls Demonstrierenden am Donnerstag noch gesprächsbereit präsentiert, kommentierte er den gewaltsamen Einsatz der Polizeitruppen nur mit wenigen Worten: Die Demonstrierenden seien schließlich vor der Räumung gewarnt worden, so Mutlu.[16]

Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Bis tief in die Nacht forderten Zehntausende Menschen den Rücktritt von Ministerpräsident Tayyip Erdogan und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, auch in Stadtteilen, die bislang von den Unruhen verschont geblieben waren.[17] Verfolgt man die Pressemitteilung Mutlus auf CNN Türk zu den Geschehnissen der Nacht, glaubt man Zeuge einer anderen Veranstaltung gewesen zu sein. Die Rede ist von einer problemlosen Räumung des Parks, von sensibler Polizeiarbeit und nur 44 Verletzten. Allein im Ilk Yardim Krankenhaus nahe des Taksim-Platzes zählte man zu diesem Zeitpunkt bereits 78 Verwundete.[18] Über 400 Verhaftungen soll es außerdem gegeben haben, berichtet die türkische Anwaltskammer.[19] Der Gewerkschafts-Dachverband "KESK" hat für Montag zu einem Generalstreik aufgerufen.[20]

„Erdowahn“

Den gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde auch am Sonntag kein Ende gesetzt. Ganz im Gegenteil. In einer beängstigenden Rede und mit sich überschlagender Stimme machte er vor 250.000 AKP-Anhängern in Istanbul erneut seiner Wut Luft. Abermals beschimpft er nicht nur die „linken Vandalen“, sondern auch die internationalen Medien, von denen er am Montag schließlich mehr als einmal als „Hassprediger“ bezeichnet wurde.[21] Insbesondere BBC, CNN und Reuters bezichtigte er der unwahren Berichterstattung und propaganistischen Desinformation.[22] Journalisten sind nicht gern gesehen in diesen Tagen.

Video: via Youtube "Police against the press

„Hassprediger“, eine beinahe nette Bezeichnung, verfolgt man das Feedback auf Twitter, Facebook und Co. Vergleiche mit Hitler und Putin sind schon längst auf der Tagesordnung. Auf deutschen Solidaritäts-Plattformen wird er beinahe nur noch als „Erdowahn“ oder „Erdogas“ bezeichnet.[23] Der Ministerpräsident gießt mächtig Öl ins Feuer. Aus den „Terroristen“ und „Plünderern“ ist inzwischen ein Bürgerprotest der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen entbrannt.

„Während Erdogan spricht, sitzen in Istanbul junge Demonstranten vorm Fernseher, Studenten, Künstler, Anwälte. Sie sind fassungslos. Sie können nicht glauben, dass sie von ihrem Ministerpräsidenten als Staatsfeinde denunziert werden. ‚Istanbul, sind wir eins? Istanbul, sind wir vereint? Istanbul, sind wir Brüder?’, ruft Erdogan nach fast zwei Stunden. Zu dieser Zeit haben sich einige Kilometer weiter um den Taksim-Platz erneut zehntausende Demonstranten versammelt. Sie trotzen dem Tränengas der Polizei und fordern Erdogans Rücktritt.“[24]

Auch sollen in der Nacht zum Montag Schlägertruppen wie „Im Namen Allahs“ und „Erdogan“ gezogen sein, um die „Gottlosen“ noch einmal „aufzumischen“, berichten internationale Medien und soziale Netzwerke.[25] Woher sie kamen lässt sich wohl ahnen, nicht jedoch mit Sicherheit bestätigen.
Inzwischen droht Erdogan bereits mit dem Mitlitär.[26] „Die Polizei ist da. Wenn das nicht reicht, die Gendarmerie. Wenn das nicht reicht, die türkischen Streitkräfte“[27], warnte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc die Protestierenden am Montag. Konzesequezen wohin man auch blickt: Innenminister Muammer Güler warnte abermals vor der Teilnahme an solch „illegalen Streiks“ und juristischen Folgen.[28]

Die große Stille

Die Gewalt türkischer Sicherheitskräfte ging um die Welt. Immer wieder prallten Erdogans Truppen und unaufhaltsame Demonstranten in Straßenschlachten aufeinander. Doch auf einmal steht da dieser junge Mann, regungslos und still. Unter #haranadam (zu Deutsch stehender Mann) verbreiten sich Bilder und Tweets an diesem Montag noch schneller als sonst, auch wenn man zunächst nicht weiß, was hier gerade passiert.

„Die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Blick starr auf das Atatürk-Kulturzentrum gerichtet. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Vier Stunden. Fünf Stunden. Es wird Nacht.“[29]

Immer mehr Protestierende schließen sich ihm an. Es ist eine gewaltige Stille, auch über den Stream, der wie immer live dabei ist. Noch weiß die Polizei nicht, wie sie mit den „Terroristen“ umgehen sollen, die abermals den Taksim-Platz betreten haben. Erschöpft entscheiden sie sich für eine ruhige Nacht in Istanbul, werden jedoch schon am nächsten Tag auch diese Demonstrierenden abführen.[30] Wie immer berichten Augenzeigen vor Ort in Echtzeit.


Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Pressekarte für Twitter-User

Geschürt wurde das internationale Echo am Dienstag insbesondere durch zunehmende Verhaftungen und Hausdurchsuchungen in der ganzen Türkei. In groß angelegten Razzien wurden am Dienstagmorgen mehr als 100 mutmaßliche Unterstürter der Taksim-Proteste verhaftet – allein in Istanbul. Mindestens 30 wurden in Ankara von den Truppern Erdogans in Gewahrsam genommen.[31] In Ankara wurden erneut gewaltsame Auseinandersetzungen gemeldet. Noch immer steigen die Zahlen der Verletzten und Vermissten. Und während man in Istanbul noch friedlich schwieg, debattierte die Regierung Erdogans erneut darüber, wie man dem „falschen“ und „provokativen“ Microblogging Einhalt gebieten und ein entsprechendes Gesetz vorantreiben könne. Auch Innenminister Muammar Güler kündigte offiziell an, dass man nun alles an eine strafrechtliche Verfolgung aktiver User setzen würde:

"Hinsichtlich der sozialen Medien führt die Polizei nun eine Untersuchung durch. Diese Untersuchung bezieht sich auf solche Facebook- oder Twitter-Nutzer, die Volksverhetzung betrieben oder versucht haben, die Bürger durch manipulierte Nachrichten und Falschmeldungen zu Straftaten anzustiften.“[32]

Staatspräsident Abdullah Gül, der noch vor wenigen Tagen versprochen hatte, eine "Hexenjagd auf Twitter-User" zu unterbinden, meldete sich am Dienstag inzwischen weitaus weniger liberal: Es sei nötig, Social Networks zu regulieren und den gängigen Standards der türkischen Medien anzupassen. Sarkastisch fragt eine Stimme im Internet: "Kann ich dann als Twitter-User bitte auch eine Pressekarte bekommen?“[33] Ein Lichtblick: Twitter weigert sich nach wie vor, Benutzerdaten der Online-Protestierenden herauszugeben, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.[34]

Foto: via Tumbl #OccupyGezi
Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Das Gehege der Pinguine

Wie schon im Vorfeld, wurde in den türkischen Medien auch dieses Mal kaum von den Ausschreitungen in Istanbul berichtet. Viele Sender blieben bei ihren normalen Programmen. Andere berichteten nur über jene „illegalen Organisationen“, welche die Polizei ohne größere Umstände vom Platz vertrieben hätte.[35] Auch Sender, die bereits ihren Ruf weg haben, scheinen nichts hören und sehen zu wollen. Auf eine Berichterstattung von CNN Türk und NTV wartet man im Land vergeblich.[36]

Foto: via Tumbl #OccupyGezi

Viele Sender scheinen sich regierungskritischen Themen ganz und gar zu verwehren. Sie üben das aus, was man im wissenschaftlichen Jargon auch als Selbstzensur beschreibt. Bleiben wir für einen Moment bei CNN-Türk der Dogan-Gruppe: Aydin Dogan war einmal ein mächtiger Mann, bis er sich mit Erdogan anlegte. Immer wieder berichtete er kritisch über die türkische Regierung und deckte zu deren Missgunst den ein oder anderen Korruptionsskandal auf. Der Ministerpräsident warf Dogan aber nicht nur vor eine „Schlammschlacht“ gegen ihn zu führen und verglich ihn mit großen Gangsterbossen, 2009 brummten die Finanzbehörden ihm auch noch Steuerstrafen von nicht weniger als 2,5 Milliarden Euro auf.[37] Dogan habe sich immer mehr „bedroht, erpresst, unter Druck gesetzt“[38]  gefühlt und musste sein Imperium „unter dem Damoklesschwert der Steuerstrafe“[39]  schließlich verkaufen. Regierungskritische Journalisten wurden entlassen, ein Exempel statuiert!

Unvergessen bleiben auch die wirtschaftlichen Interessen vieler türkischer Sender durch eine Verzahnung mit diversen Industriesektoren. Nicht selten ist man hier aus unternehmerischer Perspektive auf gute Beziehungen zur Regierung angewiesen. Berichtet man nun dennoch aus moralischer Verpflichtung heraus (auch noch im Livestream) von den Protesten des Landes, kann es einem durchaus wie Halk-TV (zu Deutsch Volks-TV) ergehen: Die staatliche Rundfunkbehörde der Türkei (RTÜRK) strafte den Sender inzwischen mit einem saftigen Bußgeld. Schließlich habe er mit seinen Bildern „die physische, geistige und moralische Entwicklung von Kindern und jungen Menschen gefährdet.“[40] Halk TV sendet noch immer im Livestream, ebenso wie die Bürgersender Revolutistanbul und Capul TV.


„Generation Upload“

Während im Inland kaum berichtet wird, ist die Wut über die Ereignisse in den Sozialen Netzwerken größer denn je. So heißt auf der  Facebook-Plattform „Halte durch, Türkei“ am Samstag:

„Heute bist du zu weit gegangen Erdowahn!
Gerade im Moment, laufen Türken überall in Istanbul zusammen und werden jede Minute mehr. Die ganze Autobahn ist voller Menschen. Du hast dich mit den falschen angelegt...“[41]

... oder Montag:

„Die Jugend schreibt Geschichte!
Sie nehmen alles in Kauf!
Sie wollen eine bessere Zukunft!
Sie kämpfen um ihre Menschenrechte!“ [41]

oder Dienstag: 
"Die schlimmsten Dinge in der Geschichte der Menschheit wurden mit den Sätzen entschuldigt: "Wir haben nur Befehle befolgt" oder "Wir wussten von nichts". Jetzt ist langsam gut. Wenn du kein Bock darauf hast, was du tust, dann tu es nicht. Es gibt genug Menschen, die sich mit dir solidarisieren werden. Besonders aktuell in der Türkei. Und im medialen Zeitalter von nichts wissen zu wollen ist absurd." [43]
Foto: via Facebook

Nicht immer teilen die User der Plattformen eine Meinung, auch Erdogan Anhänger verirren sich hin und wieder in der Masse anhaltender Solidaritätsbekundungen. Im Internet kann nun mal jeder schreiben, was er denkt, ob im Facebook, auf Twitter oder im Kommentarfeld der Tagesschau. Schaurig gedankenlose Zeilen paaren sich hier zum kollektiven Mitgefühl – in der Türkei und hierzulande. Ein Auswahl ganz und gar merkwürdiger Reaktionen auf Frau Roths Verletzungen hat Martin Giesler, ZDF-Nachrichtenredakteur auf seinem Blog 120sekunden unter dem Titel "Der Tag, an dem ich in den Abgrund der deutschen Facebook-Kommentarkultur blickte" zusammengefasst. Wer davon ausgeht, bei der Tagesschau wäre alles besser, der irrt gewaltig. So schreibt Tom123 beispielsweise: 

"Die Regierung hat sich schon mehrmals bei den friedlichen Demonstranten für die überzogene Gewalt entschuldigt. Fehler passieren überall. Das gibt aber den Chaoten nicht das Recht ein Land zu terroriesieren. Was in den letzten zwei Wochen passiert ist hat weder mit friedlichen Demonstranten zutun noch mit Demonstrationsrecht."[44]
Für Erdogan bleibt diese Aufmerksamkeit, ob sie nun für oder gegen ihn spricht, ein lästiger Splitter, den er einfach nicht mehr aus dem Finger bekommt. Es sind die Sozialen Netzwerke, welche die Informationen nach außen getragen haben; Handybilder und Smartphonevideos liefern beklemmendes Material zur Visualisierung. Selten hat Microblogging den Nachrichtenwert internationaler Berichterstattung so beeinflusst und nicht selten schwingt in der Tragik auch eine gewisse (wenn auch nicht immer treffende oder politisch korrekte) karikaturistische Komik mit.


Foto: via Facebook 
Foto: Häuserwand in Istanbul via Tumbl 
#OccupyGize 

"Everyday I'm Çapuling" heißt es auf Postern, Bannern und auf Häuserwänden. Es ist eine Anspielung an eine Rede des Ministerpräsidenten, in der er die Oppositionellen als "çapulcu", zu Deutsch "Plünderer", bezeichnet hatte. Diese ließen es sich nicht nehmen, ganz im Stil des World Wide Web einen Anglizismus daraus zu machen. Ein gleichnamiges Video, dass die Demonstranten noch guten Mutes zu bounciger Diskomusik in Aktion zeigt, ist nur einen Klick entfernt. 

Die Demonstranten der Türkei haben sich noch nicht ergeben, auch wenn Erdogan am Mittwoch den Sieg über die Proteste bereits verkündet hat – nach zahlreichen Festnahmen. Türkische Medien berichten, allein am Dienstag sollen 130 Menschen inhaftiert worden sein, am Sonntag bereits 500.[45] Wieviele es am Mittwoch waren, ist noch unklar. Auf internationalen Druck meldeten sich inzwischen auch die Vereinten Nationen zu Wort: Erdogan soll nun den brutalen Polizeieinsatz stoppen, um Konsequenzen zu verhindern, so die Hochkommissarin für Menschenrechte der UNO Navi Pillay.[46]


Video: via Youtube "Everyday I'm Çapuling"



[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/erdogan-deutet-demonstranten-entgegenkommen-an-1.1696509
[2] Vgl. https://twitter.com/cbabdullahgul
[3] Vgl. Hürriyet zitiert nach http://www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-auf-taksim-platz-in-der-tuerkei-erdogan-will einlenken-a-905662.html
[4] Vgl. https://www.facebook.com/haltedurchturkei
[5] Ebd.
[6] Vgl. http://www.spiegel.de/panorama/leute/pianist-martello-spielt-auf-dem-taksim-platz-in-istanbul-a-905685.html
[7] Vgl. http://www.welt.de/politik/ausland/article117146521/Erdogan-nach-Protest-Dialog-auf-Kompromisskurs.html
[8] http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste154.html
[9] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste148.html und Vgl. http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-06/erdogan-ankara-akp
[10] http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste148.html
[11] Vgl. http://www.n-tv.de/politik/Polizei-stuermt-Gezi-Protestlager-article10829666.html
[12] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/istanbul-nach-taksim-raeumung-das-ist-wie-im-krieg-12222979.html und Vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/protest-in-istanbul-tuerkische-polizei-raeumt-gezi-park-1.1697295
[13] http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste154.html
[14] Vgl. Ebd.
[15] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/istanbul-nach-taksim-raeumung-das-ist-wie-im-krieg-12222979.html
[16] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste154.html
[17] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste156.html
[18] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/istanbul-nach-taksim-raeumung-das-ist-wie-im-krieg-12222979.html
[19] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-protest104.html
[20] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste154.html
[21] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-erdogan-provoziert-gezi-demonstranten-mit-rede-in-istanbul-a-906049.html
[22] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-proteste172.html
[23] Vgl. https://www.facebook.com/haltedurchturkei,
[24] http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-erdogan-provoziert-gezi-demonstranten-mit-rede-in-istanbul-a-906049.html
[25] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei-regierung-droht-mit-militaereinsatz-12224527.html und Vgl. https://www.facebook.com/haltedurchturkei,
[26] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei-regierung-droht-mit-militaereinsatz-12224527.html
[27] Ebd.
[28] Vgl. http://www.welt.de/newsticker/news1/article117187499/Merkel-erschrocken-ueber-Polizeigewalt-in-der-Tuerkei.html
[29] http://www.spiegel.de/politik/ausland/stiller-protest-in-istanbul-duran-adam-wird-held-des-widerstands-a-906374.html
[30] Vgl. https://www.facebook.com/haltedurchturkei?ref=stream und Vgl. http://www.spiegel.de/video/taksim-platz-stiller-protest-video-1278691.html
[31] Vgl. http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-protest108.html
[32] http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-protest104.html
[33] http://www.welt.de/politik/ausland/article117238267/Tuerkei-will-Nutzung-von-Twitter-strafbar-machen.html
[34] Vgl. Hürriyet zitiert nach http://www.heise.de/newsticker/meldung/Tuerkei-uebt-Druck-auf-Twitter-aus-1888677.html
[35] Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/istanbul-nach-taksim-raeumung-das-ist-wie-im-krieg-12222979.html
[36] Siehe dazu http://video.cnnturk.com/canli-yayin und http://www.livestream.com/ntvmsnbc sowie Vgl. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.tuerkei-ein-klima-der-einschuechterung.948877d8-52c2-4c27-b8c3-bf9147339ba0.html
[37] Vgl. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.tuerkei-ein-klima-der-einschuechterung.948877d8-52c2-4c27-b8c3-bf9147339ba0.html
[38] Ebd.
[39] Ebd.
[40] Ebd.
[41] https://www.facebook.com/haltedurchturkei
[42] Ebd. 
[43] Ebd. 
[44] http://meta.tagesschau.de/id/73969/tuerkei-erdogan-will-mit-demonstranten-sprechen
[45] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-der-tuerkei-erdogan-ruft-sieg-ueber-demonstranten-aus-a-906513.html
[45] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/uno-fordert-von-tuerkei-ende-der-polizeigewalt-a-906408.html